Dirk Wiebel (SFB441 Tuebingen)

Das autonome Graphem
als subversives Element
der Graphemisch-Phonologischen Korrespondenzregularitaet.

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  1. Einleitung
  2. Diachrone Schriftlichkeit
  3. Das Graphem
  4. 2.1 Zum Graphembegriff und autochtonen Graphemen

    2.2 Autonome Grapheme

    2.3 Das Graphem im Spannungsfeld von Norm und Gebrauch

  5. Projektion der Graphem-Problematik auf die GPK
  6. GPK kontrastiv
  7. Conclusio
  8. Verwendete Literatur

 

  1. Einleitung:

Warum schreibt man heute nicht, wie man spricht? Warum sind Normveränderungen der gesprochenen Sprache meist zum Scheitern verurteilt? Warum ist die Systematik der Schriftsprache so komplex, wenn sie nur ein Abbild der gesprochenen Sprache ist? Alle diese Fragen beschäftigen Linguistinnen und Linguisten nicht erst seit Einführung der Graphemisch-Phonologischen Korrespondenzregeln durch Bierwisch 1972. Prinzipiell beherrscht die Fragestellung nach der Autonomie der Schriftsprache die Diskussion, die durch die möglich gewordene Rechtschreibreform 1995 wieder verstärkt aufgenommen wurde.

Das Konzept eines Bezugs zwischen Lauteinheit und Schrifteinheit ist relativ einfach: Da sich Einzellaute (Phone) und Einzelzeichen (Graphen) nicht systematisch in Bezug setzen lassen, wird diese Relation über kleinste distinktive Einheiten, die aus diesen Einzelwerten bestehen, hergestellt. Hierbei wurden in den dreißiger Jahren die Phoneme als kleinste distinktive lautliche Einheiten entwickelt. Parallel zu den Phonemen kam der Begriff des Graphems spätestens mit Pulgram 1951 auf, der das Graphem (als Klasse von Schriftzeichen) dem Phonem (als Klasse von Lautzeichen) gegenüberstellte. Bierwisch stellt mit diesen Parallelen die Graphemisch-Phonologischen Korrespondenzregeln auf, indem er komplexe Regularitäten ermittelt, die jedoch auch (im Eisenberg’schen Sinne) zu silbisch oder prosodisch determinierten Schreibungen zählen.

Eine Schwierigkeit der GPK ist die teilweise Autonomie der Grapheme, die Fleischer schon 1965 bemerkt: "Graphemopposition kann bestehen, ohne dass ihnen eine Phonemopposition entspricht, und das graphematische System erhält so Selbständigkeit.". Ein einfaches Beispiel für diese Selbständigkeit ist das Phänomen der Homophonie:


  1. <leerer> à /l e É \ /

<Lehrer> à /l e \ /

<Verse> à /f e É z e /

<Ferse> à /f e É z e /

Heller setzt sich 1980 mit der Diskussion um die Selbständigkeit oder Abhängigkeit der Grapheme im Deutschen intensiv auseinander; Gallmann entwickelt 1985 formale Funktionsklassen für Grapheme, und verdeutlicht hierbei explizit die Eigenständigkeit von Graphemen gegenüber den Phonemen.

Mit dieser Eigenständigkeit möchte ich mich auf den folgenden Seiten befassen: Ich werde nach einer (sehr) kurzen historischen Überlegung zur deutschen Schriftnorm versuchen, die Diskussionen um autonome Grapheme aufzugreifen und anhand dieser Diskussionen die Schwierigkeiten des Graphem-Begriffs unter Einbeziehung der Frage nach relevanten Daten in der Linguistik darzustellen. Projiziert auf die GPK wird dieser abstrakte Begriff für weitere Schwierigkeiten sorgen, weitere Fragen aufwerfen, die hier nur angesprochen, jedoch nicht ausführlich diskutiert werden können.

Letzendlich wird der Blick auf die kontrastive Graphemik des Englischen sowie mancher "moderner" Eigenarten der Schriftsprache (Emoticons, Akronyme, etc.) weitere Anhaltspunkte dafür geben, dass das Graphem auf dem Weg von der Lautabhängigkeit in die Autonomie ist.

 

    1. Diachrone Schriftlichkeit

    Dass die Schriftlichkeit in einer Alphabetsprache wie dem Deutschen ursprünglich ein fixierendes Derivat der gesprochenen Sprache ist, gewissermaßen ein "Meta-Signifiant" war, findet sich als anerkannte Tatsache bei vielen Autoren. Ein kurzer Exkurs in die Geschichte der Schriftnorm soll das nochmals veranschaulichen. Otfried von Weißenburg schrieb zu diesem Thema in einem Widmungsschreiben an Liutbert von Mainz, dass die Lautqualität der gesprochenen Sprache, nach der er sich primär in der Benutzung der lateinischen Schrift orientiert, oft unklar sei. Dennoch kann Otfried als Mitbegründer einer Laut-Zeichen-Zuordnung der deutschen Laute zu lateinischen Schriftzeichen angesehen werden, die bis heute als Basis der Schriftsprache dient. Nicht beeinflusst von präskriptiven orthographischen Normen konnte Otfried für seine Werke ein Schriftsystem entwickeln, dass nahezu vollkommen auf dieser Zuordnung basierte.

    Obwohl eine Wertung älterer Werke aus dialektalen Gründen schwierig ist, lassen sich schon in frühneuhochdeutschen Werken erhebliche Tendenzen erkennen, die von dieser Zuordnung abweichen. Wiesinger spezifiziert dieses Problem: "Die Ansicht, das Schreibsystem sei unabhängig vom Lautsystem, indem die Schriftlichkeit an älteren Traditionen festhält, während mündliche Weiterentwicklungen folgen, trifft verschiedentlich zu." Weiterhin stellt er bei zwei Schreibern fest: "Die These von der Unabhängigkeit des Lautsystems vom Schreibsystem indem neue Schreibungen für fortbestehende Aussprachen eingeführt werden, trifft für die beiden Neuberger Urkundenschreiber [...] zu." Adelungs Forderung "Schreib‘ wie du sprichst" war also bereits vor seiner Zeit entweder ein Reformvorschlag oder ein "veraltetes Modell".

    Die Tendenz der Unabhängigkeit des Schriftsystems hat sich m. E. heute verstärkt. Allerdings obliegt das Urteil über "gelungene" GPK starken theoretischen (und subjektiven) Schwankungen: Grosse listet zwei Korpusuntersuchungen von GPK-Erscheinungen in Goethes "Leiden des jungen Werthers" auf, die zu äußerst unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Während Mohr 1891 noch 68,5 % der Wörter als "Phonetische Schreibung aufweisend" bezeichnet, erkennt Franken 1928 im selben Text nur noch 7 % der Wörter als "orthographisch eindeutig", als auch 38 % als "eindeutig ohne Dehnungs- und Schärfungsbezeichnungen". Die Frage nach der Relevanz und Methodik von Datenerhebungen wäre hier angebracht, um empirisch belegte Ergebnisse zu erhalten.

    Im 19. Jahrhundert lassen sich erneut Tendenzen erkennen, die das "phonetische Prinzip" der Schriftsprache wieder favorisieren, letzendlich setzt sich aber das insbesondere von J. Grimm unterstützte Prinzip der "historischen Schreibung" immer mehr durch.

    2. Das Graphem

2.1. Zum Graphembegriff und autochtonen Graphemen

Die größte Problematik in der GPK-Regularität stellt meines Erachtens die von vielen Autoren vorgestellte Definition des Graphem-Begriffs dar. Meist wird das Graphem anhand einer Parallelität zum Phonem definiert und dabei nur als Buchstabe oder Buchstabenkombination gesehen, so bei Grosse, der in seinem gesamten Aufsatz nur von Buchstaben anstatt von Graphemen schreibt, als Ergebnis aber "ein dem phonologischen System angenähertes System von Graphemen für das Deutsche" erhält. Eisenberg schreibt sogar: "Im Graphembestand des Deutschen finden sich daher neben Einzelbuchstaben auch die Mehrgraphen (Bigraphen und Trigraphen) <ch, qu, sch>. Insgesamt ergibt sich das Grapheminventar in 2. [...]

Weitere Wissenschaftler, die die Autochtonie des Graphems von der Phonologie und damit der Gleichsetzung dessen mit dem Buchstaben vertreten, nennt Heller unter anderem mit Pulgram und Bierwisch. Althaus ist in seiner Definition bereits offener und beschreibt zwei Möglichkeiten der Graphemdefinition:

"Die Methoden der Graphemik basieren auf jenen der Phonemik [...]. Sie sind außerdem wegen der Parallelität der gesprochenen und geschriebenen Sprache eng mit dem Problembereich der Phonemik verbunden. Hauptziel graphemischer Analyse ist die Gewinnung der Grapheme eines gegebenen Textes und die Absonderung ihrer Varianten. Dieses Ziel kann mittels der Aufstellung von graphischen Minimalpaaroppositionen oder mittels Übertragung phonemischer Ergebnisse auf die graphische Ebene (nur bei jüngeren Texten und nur in Annäherungswerten) erreicht werden."

Diese Definitionen beinhalten auch die Theorien von Eisenberg und Grosse, deren Graphembegriff sich allein auf die Gruppe der Phonographeme stützt. Wenn man aber das Graph als Grundelement einer graphisch-visuellen Sprachommunikation definiert, das durch Distributionsanalysen gewonnen wird, muß man zwischen alphabetischen Graphen, numerischen Graphen, Intonations- und Strukturgraphen (z.B. Satzzeichen), Ikonographen (Sonderzeichen wie ‚&‘, ‚%‘, ‚§‘, ‚@‘), etc. unterscheiden. Grapheme, die (parallel entwickelt, aber ohne Abhängigkeit zu Phonemen) kleinste distinktive graphische Einheiten bilden, also die Gesamtheit der relevanten Aspekte der entsprechenden Graphen repräsentieren, müssen folglich auch mit Einheiten von numerischen, strukturellen, ikonischen und anderen Graphen zu bilden sein.

Gallmann stellt diese Graphen 1985 einführend und nach formalen Klassen gegliedert dar; er bemängelt auch den oft mit Phonographemen gleichgesetzten Graphembegriff: "In vielen Arbeiten zu unserem Schriftsystem wird Graphem als schreibsprachliches Äquivalent zum Phonem definiert. Graphem ist dann praktisch identisch mit der formal definierten Zeichenklasse Buchstaben" Gallmann beschreibt diese Buchstaben-Grapheme als Grundgrapheme, ich bezeichne die Resultate dieses Ansatzes in dieser Arbeit als autochtone Grapheme, um den Kontrast zum Begriff des autonomen Graphems zu verdeutlichen.

 

2.2. Autonome Grapheme

Vorweg ist der hier verwendete Begriff des autonomen Graphems weitestgehend zu erläutern: Die Frage nach einer Autonomie von Graphen soll hier nur für die Unabhängigkeit von phonologischen Einheiten gelten. Der Begriff des autonomen Graphems bedeutet keine Unabhängigkeit von anderen (morphologischen, pragmatischen, ...) Systemen.

Dadurch, dass sich Abhängigkeiten von nicht-phonologischen Systemen bei Graphemen feststellen lassen, wird implizit auch die (bedingte) Unabhängigkeit des Graphems vom phonologischen System belegt. Die Beispiele (2) - (5) sollen solche Korrespondenzen veranschaulichen:

Sogenannte Emoticons, die vor allem in den Neuen Medien verstärkt auftreten, können beispielsweise in pragmatischer Korrespondenz stehen:

(2) im Anhang an einen Abschnitt:

:-) à positive Wertung

:-( à pejorative Wertung

;-) à ironische Wertung

(3) im Kontext:

Die Idee ist :-) ! à Die Idee ist gut!

Auch in morphologischer Korrespondenz stehende Grapheme sind allgemein in der Schriftsprache gebräuchlich. Ein Beispiel hierfür sind Numeralien oder Sonderzeichen:

  1. a) ... ein 3-facher Salto ...
  2. b) ... der 4-er mit Steuermann...

    c) ... ein 9-tel des Einkommens...

    d) ... ein 7-tel der Telefonrechnung...

  3. ... Der Bäckereibetrieb Peter & Paul lädt zur Einweihung ein.
  4. ... Laut § 44 StGB ist dies unzulässig.

    ... Steuererleichterungen von 80 % sind utopisch.

    Weitere in diesem Sinne autonome Grapheme stellen die Satzzeichen dar. In (2) und (3) müssen im Hinblick auf die oben erwähnte Graphemdefinition die Graphen (, ), : und ; als Grapheme gelten. In (4) könnte argumentiert werden, die Ziffern müssten Lautfolgen zuzuordnen sein (8 à /a Å t /, 9 à /n ¿ e n /), hierbei stellt sich jedoch die Frage, ob die Ziffern (die bekanntlich aus einem vollkommen anderen Schriftsystem als die Buchstaben entlehnt sind) Lautwerten entsprechen oder die Lautwerte den Ziffern entsprechen. Diese Diskussion ist aber m. E. zu weitläufig und soll daher hier nicht weiter behandelt werden; die Korrespondenz zum morphologischen System ist auch bei einer angenommenen phonologischen Korrespondenz erhalten – hier müsste über eine Morphem-Phonem-Korrespondenz weiter diskutiert werden. Eine besondere Bedeutung in diesem Sinne sind auch Akronyme, die im Deutschen zwar nur marginal erscheinen, in der englischen Umgangsschriftsprache aber eine immer größere Rolle spielen:

  5. a) RUOK à Are you okay?

b) ICQ à I seek you.

c) BIOS à Basic Input Output System

d) Modem à Modulator / Demodulator

Während in (6) a), b) noch eine Laut-Buchstaben-Zuordnung im Hinblick auf die Aussage möglich ist, wird diese in (6) c), d) aufgehoben. Auch lässt sich beobachten, dass in (6) a) Buchstaben-, Laut- und Wortgrenzen übereinstimmen, in (6) b) ist dieses bereits aufgehoben, in (6) d) wird ein Buchstabe sogar geminativ verwendet (eigentlich Mod-Dem).

 

2.3. Das Graphem im Spannungsfeld von Norm und Gebrauch

Inwiefern die Beispiele (2) - (6) in den Begriff der Schriftsprache zu integrieren sind, korrespondiert weitestgehend mit der Frage nach Relevanz von introspektiven Daten. Einzig die Numeralien dürften als fester Bestandteil der Schriftsprache gelten – dies kann durch die Normierung in Orthographieregelwerken belegt werden. Formen wie unter (4) wurden erst kürzlich in der Rechtschreibreform von 1995 diskutiert und ihre Schreibungsnorm geändert. Aber auch die Sonderzeichen (5) haben ihre Funktion in der Orthographie erhalten: Zwar darf das Et-Zeichen & laut Rechtschreib-Duden "nur bei Firmenbezeichnungen stehen", Paragraphenzeichen und Prozent-/Promillezeichen sind aber bereits etabliert: "Steht das Wort ‚Paragraph‘ in Verbindung mit einer nachgestellten Zahl, dann setzt man unter Verwendung eines kleineren, festen Zwischenraums das Zeichen §. [...] Vor dem Prozent- und dem Promillezeichen ist ein kleinerer, fester Zwischenraum zu setzen." Auch genealogische Zeichen "können in entsprechenden Texten zur Raumersparnis verwendet werden". Des weiteren sind Rechenzeichen, Gradzeichen und Währungszeichen inzwischen in den normierten Bestand der Schriftsprache aufgenommen. Empirische Untersuchungen, ob Schreibende des Deutschen diese Zeichen in ihren Zeichenschatz integriert haben, sind mir leider nicht bekannt.

Unabhängig von den autonomen Graphemen ist auch das Grapheminventar der Phonographeme unklar. Zu Eisenbergs Grapheminventar des Deutschen lässt sich folgendes sagen: Eisenberg ignoriert nicht nur alle nicht-alphabetischen Grapheme, er vernachlässigt auch die Buchstaben c, v, x und y mit der Begründung "sie gehören nicht zum Kernbestand, sondern nur zu einem erweiterten Grapheminventar des Deutschen". Bei einer Untersuchung des Mannheimer Korpus I des IdS Mannheim mit 2,2 Millionen laufender Wortformen im Hinblick auf dieses Grapheminventar wurden die Ergebnisse in Tabelle 1 ermittelt. Diese Ergebnisse der Häufigkeit von Wörtern, die mindestens einen dieser Buchstaben enthalten, sind kontrastiv zu von Eisenberg als Graphemen definierten Buchstaben aufgelistet:

Buchstaben / Belege

Gesamt

Prozent

c (ohne <ch> und <ck>)

5160

0,23

v

104273

4,74

X

3850

0,18

y

9235

0,42

<qu>

2215

0,10

<j>

29094

1,32

<ck>

23384

1,06

Tabelle 1: Ergebnisse der Suchanfragen. Die von Eisenberg ausgeschlossenen Zeichen sind weiß, die von ihm als Graphem definierten Zeichen grau unterlegt.

Für die Buchstaben c, v, x und y wurden erheblich mehr Belege gefunden als für das von Eisenberg als Graphem definierte Buchstabenpaar <qu>. Der Buchstabe v übersteigt in seiner Häufigkeit auch <ck> und <j> (als auch <ä>, <ö>, und <ß>, die hier nicht aufgeführt werden).

Die Ergebnisse dieser Untersuchung berücksichtigen keine Fremdwörter, Abkürzungen und Namen – dennoch stellt sich bei diesen Ergebnissen die Frage, ob nicht auch die von Eisenberg ausgeschlossenen Buchstaben zum Graphembestand des Deutschen zählen und in wie weit diese Theorien mithilfe normativen Quellen oder durch den Gebrauch verifizierte Quellen entwickelt werden dürfen. Die Linguistik steht hier am Scheideweg der deskriptiven zur präskriptiven Wissenschaft.

 

    3. Projektion der Graphem-Problematik auf die GPK

    Die Theorie der GPK-Regularität, die 1972 von Bierwisch eingeführt wurde, steht und fällt mit der Definition des Graphembegriffs. Der Graphembegriff, der in seinem Ursprung von phonologischer Parallelität, bzw. Korrespondenz geprägt ist, wurde jedoch zur Entwicklung der GPK-Regularität nur auf Phonographeme angewendet. Die funktionale Ebene des Graphems und die formale Ebene des Buchstabens wurden hier verknüpft, wenn nicht sogar in manchen Arbeiten gleichgesetzt. Geht man von einem autochtonen Graphembegriff aus, mag dieses System durchaus die Systematik der Lauteinheiten-Buchstabeneinheiten-Korrespondenz darstellen, bei Erweiterung des Graphembegriffs auf die autochtonen und autonomen Grapheme ist diese Systematik nicht mehr gegeben. Ein Beispiel hierfür ist unter (4) d) zu sehen: Hier entspricht das (autonome) Graphem <7> nicht wie in (4) a) der Phonemkette /z i É b \ n /, sondern /z i É b / und ist daher als nicht phonologisch korrespondierend, sondern als morphologisch korrespondierend gekennzeichnet. Bierwisch schreibt zwar er beschränke sich "von vorneherein auf die Problematik der alphabetischen oder Buchstabenschrift und lasse die in wesentlichen Punkten ganz andersartige Situation bei logographischen Schriften wie der des Chinesischen oder den verschiedenen Formen der Silbenschrift außer Betracht." Mit seiner Erklärung, das Deutsche sei eine alphabetisch geschriebene Sprache und "andere alphabetisch geschriebenen Sprachen zeigen im Prinzip die gleichen Typen von Regularitäten" unterschlägt er aber, dass auch prinzipiell alphabetisch geschriebene Sprachen auch logographische und anders determinierte Elemente in ihrem Zeicheninventar enthalten.

    Weiterhin stellt sich im Hinblick auf die Theorie die Frage nach der Methodik und damit der Repräsentativität: Die GPK-Regeln wurden unter dem Hintergrund eines phonologisch determinierten Graphembegriffs erstellt. Damit setzen sie also bereits die Korrespondenz von Graphemen zu Phonemen voraus. Prinzipiell erklärt also die GPK-Regularität keine Graphem-Phonem-Korrespondenzregeln (da diese bereits vorausgesetzt sind), sondern stellt Buchstaben-Phonem-Korrespondenzregeln auf und entwickelt aus diesen eine Buchstaben-Graphem-Äquivalenz, die auf einen Graphembegriff schließen lässt, der nur den Phonographemen oder Buchstaben entspricht.

     

    4. GPK kontrastiv

In seiner Schlussbemerkung stellt Bierwisch den Bezug seiner Theorie zum Orthographiesystem her und diskutiert die Erleichterung einer Orthographie durch "phonetiknahe" Schreibung. Ausgehend von der Annahme, dass alle prinzipiell alphabetisch geschriebenen Schriftsprachen eine Laut-Zeichen-Zuordnung zugrunde liegen haben, ist es hier interessant, verwandte Sprachen "phonetiknaher" oder "phonetikferner" Schreibung zu vergleichen. Dies ist hier natürlich nur in Bezug auf autochtone Grapheme und ihre Lautentsprechungen möglich.

Projiziert man GPK-Regularitäten auf die Schriftsysteme des Niederländischen und des Englischen stellt man fest, dass die Regularitäten in beiden Systemen stark divergieren. Das Niederländische, das besonders im 19. Jahrhundert von starken Orthographiereformen geprägt war, weist verglichen mit dem Deutschen eine sehr starke GPK-Regularität auf, was nicht zuletzt auf die Integration vieler Fremdwörter in die niederländische Orthographie zurückzuführen ist:

  1. <kontrastief> à /k ¿ n t a s t i É f / (dt.: kontrastiv)
  2. <geograaf> à /Å « ¿ Å r Œ É f / (dt.: Geograph, inzw. auch Geograf)

    <kwaliteit> à /k v a l ö t « ö t / (dt.: Qualität)

    <stuk> à /s t ç k / (dt.: Stück)

    <oorspronkelijk> à /¿ É r s p ¿ ÷ k \ l ç k / (dt.: ursprünglich)

    Im Englischen ist hingegen eine Orthographie vorhanden, die starke Ambiguität in der Laut-Schrift-Zuordnung aufweist, sei es phonetisch ambig (8) oder graphemisch ambig (9). Auch lassen sich in englischen Wörtern Zeichen finden, die in der lautlichen Entsprechung nicht repräsentiert werden (10).

  3. <on> à /¿ n /
  4. <one> à /w a n /

    <bone> à /b ¿ ¬ n /

  5. <rude> à /r ¬ É d /
  6. <loop> à /l ¬ É p /

    <soup> à /s ¬ É p /

    <new> à /ø ¬ É /

    <sue> à /s ¬ É /

    <zoo> à /z ¬ É /

    <two> à /t ¬ É /

  7. <through> à /  r ¬ É /

<sign> à /s a ö n /

<give> à /g i É f /

<palm> à /p Œ É m /

<sword> à /s ¿ É t /

Die unter (7) – (9) genannten Beispiele stellen keine repräsentativen Daten dieser beiden Sprachen dar. Sie zeigen jedoch Tendenzen der Laut-Schrift-Zuordnung und sollen veranschaulichen, dass diese Zuordnung stark von einer Normierung der jeweiligen Sprache abhängig ist. Eine Untersuchung, ob Verstöße gegen die Orthographie im Englischen häufiger sind als im Niederländischen, wäre ein interessanter Aspekt, um nochmals die Relevanz von Norm und Gebrauch aufzuzeigen. Leider ist mir eine solche Untersuchung (noch) nicht bekannt.

 

    5. Conclusio

Der Graphembegriff ist in seinem Ursprung geprägt von phonologischer Parallelität, bzw. Korrespondenz. Mit diesem Graphembegriff wurden die GPK-Regeln erstellt. Nicht beachtet wurde damals, dass der Graphembegriff (mit den selben Entwicklungs-Bedingungen wie der Phonembegriff) weitaus offener ist: Es existieren in einem erweiterten Graphembegriff auch Grapheme, die keiner Lautzuordnung unterliegen, sondern mit anderen Systemen als dem phonologischen korrespondieren. Darüber hinaus sind aufgestellte Grapheminventare immer abhängig von der Definition von Sprache, bzw. Schriftsprache. Wie in 2.3. angesprochen wurde, spielt hier die Frage nach Repräsentativität von Datenerhebungen, auf die linguistische Theorien begründet sind, eine oft unterschätzte Rolle.

Den offeneren Graphembegriff verwendend, lassen sich keine GPK-Regeln mehr feststellen – diese existieren nur für Phonographem-Phonem-Korrespondenzen. Eine Erklärung der Korrespondenz-Regularitäten mit der Voraussetzung von Korrespondenz erscheint meines Erachtens aber als fraglich. Darf man wirklich Korrespondenzregeln von zwei Elementen erstellen, in dem das eine per definitionem eine Parallelform des anderen sei?

Projiziert auf die Schriftsysteme des Englischen und Niederländischen, den dem Deutschen nächsten verwandten lebenden Sprachen, lässt sich feststellen, dass die GPK-Regularität letztendlich nur ein Produkt eines Normierungsversuchs ist: Die GPK ist in der Niederländischen Orthographie stark vertreten, in der englischen Orthographie hingegen kaum. Die deutsche Schriftnorm bewegt sich hier zwischen diesen beiden Systemen – unsere Schrift basiert zwar in ihren Ursprüngen auf GPK, sie nutzt aber auch andere Korrespondenzen, insbesondere im Umgangsschriftlichen. Inwieweit der Gebrauch eines Tages auch zur Norm wird, bleibt abzuwarten.

 

 

6. Verwendete Literatur:

Althaus, Hans Peter (1980): Graphemik. In: Lexikon der Germanistischen Linguistik. Hrsg. Von Hans Peter Althaus u.a. 2. Aufl., Tübingen, S. 142-151.

Bierwisch, Manfred (1972): Schriftstruktur und Phonologie. In: Probleme und Ergebnisse der Psychologie. Heft 43. Berlin. S. 21-44.

Drosdowski, Günther [Hrsg.] (1996): Duden. Rechtschreibung der deutschen Sprache. 21., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Mannheim u. a. (= Duden Bd. 1)

Eisenberg, Peter (1998): Grundriss der deutschen Grammatik. Band 1: Das Wort. Stuttgart.

Fleischer, W. (1965): Zum Verhältnis von Phonem und Graphem bei der Herausbildung der neuhochdeutschen Schriftsprache. In: Wiss. Zs. der Friedrich-Schiller-Univ. Jena, Ges.- u. Sprachwiss. Reihe, Jg. 14, Heft 3. S. 461-465.

Gallmann, Peter (1985): Graphische Elemente der geschriebenen Sprache: Grundlagen für eine Reform der Orthographie. Tübingen (= Reihe Germanistische Linguistik 60)

Grosse, R. (1967): Das phonematische und das orthographische System in der deutschen Gegenwartssprache. In: Acta Universitatis Wratislaviensis 60, Germanica Wratislavensia XI, Wroclaw. S. 119-129.

 

Heller, Klaus (1980): Zum Graphembegriff. In: Nerius, Scharnhorst [Hrsgg.]: Theoretische Probleme der Orthographie. Berlin. S. 74-108.

Pulgram, E. (1051): Phoneme and Grapheme. A Parallel. In: Word, Bd. 7, Heft 1. S. 15-20.

Schlosser, H. D. [Hrsg.] (1969): Althochdeutsche Literatur. Frankfurt/Main. 1969.

Wiesinger, Peter (1996): Schreibung und Aussprache im älteren Frühneuhochdeutschen. Zum Verhältnis von Graphem – Phonem – Phon am bairisch-österreichischen Beispiel von Andreas Kurzmann um 1400. de Gruyter. Berlin u. a. (= Studia Linguistica Germanica 42)